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            030-Kino.de Special: Berlinale 2000
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Die 50. Berlinale 2000 ist zu Ende - Zeit für einen kleinen Rückblick,
der bei über 300 gelaufenen Filmen natürlich keinen Anspruch auf
Vollständigkeit hat, und sicher auch nicht unbedingt sehr repräsentativ
sein dürfte. Dies betrifft insbesondere sämtliche Hollywood-
Produktionen, die ohnehin bald in Deutschland anlaufen. Bei der großen
Auswahl der Filme hat es eigentlich wenig Sinn, sich diese Filme auf
dem Festival anzusehen, darum werden sie hier auch nicht auftauchen.

Hier auftauchen werden die besten zehn einer persönlichen Auswahl von
35 Filmen, die auf dem Festival liefen, und zwar in den 3 Sektionen
Wettbewerb, Panorama (Filme, die es aus manchmal nicht nachvollziehbaren
Gründen nicht in den Wettbewerb geschafft haben) und Internationales
Forum des Jungen Films (innovatives, teils experimentelles, junges Kino).


- "Nebeska Udica"
  Serbien
  Regie: Ljubisa Samardzic
  mit: Nebojsa Glogovac, Ana Sofrenevic

  Während die NATO Belgrad bombardiert, versucht der ehemals viel
  versprechende Basketballspieler Kaja gemeinsam mit seinen Nachbarn
  ein Stück Normalität aufrecht zu erhalten und schlägt vor, in Mitten
  der Trümmerlandschaft den zerstörten Basketball-Court wieder aufzubauen.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          ++++
                 Inszenierung:   ++++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +++
                 Romantik:       ++
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: +++

                 Gesamteindruck: 9.3 von 10        *)

  Fazit: Sicher für viele Zuschauer ein absoluter Höhepunkt des
  Festivals, jedenfalls, wenn man nach dem tosenden Applaus am Ende
  des Films beurteilen kann. In einer streckenweise recht subtilen
  Mischung aus schwarzer Komödie und anklagendem Kriegsdrama gelingt
  es dem Regisseur die Zuschauer zu fesseln. Obwohl dieser Film im
  Wettbewerb lief, hat er leider keinen Preis bekommen. Vielleicht war
  die Jury auch etwas zu vorsichtig, stellt er doch die NATO als nicht
  allzu freundlich dar.
  


- "Nabbie no koi" ("Nabbie's Love")
  Japan
  Regie: Yuji Nakae
  mit: Naomi Nishida, Tomi Taira

  Die junge Nanako kündigt ihren Job in Tokio und kehrt zurück zu ihren
  Großeltern heim auf die Insel Okinawa. Dort entdeckt Nanako die
  leidenschaftliche Liebe ihrer Großmutter Nabbie zu Sun Ra, den sie vor
  sechzig Jahren aufgrund des verschiedenen sozialen Status nicht heiraten
  konnte. Schließlich brennt die Großmutter durch.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   ++++
                 Darsteller:     ++++
                 Humor:          ++
                 Romantik:       +++
                 Musik:          +++
                 Action/Effecte: o

                 Gesamteindruck: 9.0 von 10        *)

  Fazit: Das Internationale Forum des Jungen Films hat oft Filme zu
  bieten, die um Klassen besser sind als so mancher Wettbewerbsfilm.
  Hier ist eine viel Spaß machende, romantische Komödie mit Musical-
  Einlagen aus der Tradition Okinawas. Die Hauptdarsteller, die vielen
  bekannt sein dürfte aus "Sakikos Schatz", spielt wieder herausragend.
  Und die teilweise von Michael Nyman komponierte Musik verleiht dem
  Film ein weiteres Highlight.


- "Wo de fu qin mu qin" ("The Way Home")
  China
  Regie: Zhang Yimou
  mit: Zhang Ziyi, Sun Honglei

  Zur Zeit der Kulturrevolution: Ein abgeschiedenes, chinesischen Dorf
  soll endlich eine Schule bekommen. Nach der Ankunft des Lehrers,
  verliebt sich eine junge Frau sofort in diesen. In bewegenden Bildern
  erzählt der Film, warum sie Jahrzehnte später nach dem Tod ihres
  Mannes, eine chinesische Tradition befolgen will: Der Sarg soll von
  der weit entfernten Stadt mit den Händen in das Dorf getragen werden.
  
  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   ++++
                 Darsteller:     ++++
                 Humor:          +
                 Romantik:       ++++
                 Musik:          +
                 Action/Effecte: o

                 Gesamteindruck: 9.0 von 10        *)

  Fazit: Völlig zu Recht hat dieser Film einen Silbernen Berliner
  Bären erhalten. Die wunderschön gefilmte Liebesgeschichte lebt
  unter anderem auch von der genialen Hauptdarstellerin.



- "Chutney Popcorn"
  USA
  Regie: Nisha Ganatra
  mit: Jill Hennesey, Nisha Ganatra

  Als ihre Schwester Narita erfährt, dass sie keine Kinder bekommen
  kann, beschließt Reena, eine lesbische New Yorkerin indischer
  Herkunft, ein Baby für Sarita auszutragen. Liebesbeziehungen und
  Familienbande werden auf eine harte Probe gestellt, insbesondere,
  nachdem sich Narita plötzlich dazu entschließt, doch kein Kind
  zu wollen, doch Reena ist bereits schwanger...

  Kurzbewertungen:
                 Story:          ++++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     ++++
                 Humor:          +++
                 Romantik:       ++
                 Musik:          +++
                 Action/Effecte: o

                 Gesamteindruck: 9.0 von 10        *)

  Fazit: Ein geniales Drehbuch und überzeugende Darsteller machen
  diese Komödie, die übrigens auf Tatsachen beruht, zu einem
  unvergesslichen Kinoerlebnis. "Chutney Popcorn" belegte beim
  Panorama-Publikums-Preis einen der oberen Plätze. Ein Verleih
  ist auch schon gefunden, so dass der Film sicher in einigen Monaten
  in die Kinos kommt.



- "My Mother Frank"
  Australien
  Regie: Mark Lamprell
  mit: Sinead Cusack, Sam Neill

  Die 51-jährige römisch-katholische Mutter nervt ihren Sohn mit
  übertriebener Fürsorge und findet erst als Studentin an der
  Universität langsam zu sich selbst, wo sie sich zusammen mit ihrem
  Sohn einschreibt. Doch die anfängliche Freude beim Studium wird
  bald durch eine unangenehme Nachricht ihres Arztes getrübt...

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   ++++
                 Darsteller:     ++++
                 Humor:          +++
                 Romantik:       +++
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: +

                 Gesamteindruck: 9.0 von 10        *)

  Fazit: Auch diese gelungene romantische Tragikomödie aus dem
  Panorama-Programm wird es sicher nicht schwer haben, in die deutschen
  Kinos zu kommen. Der allseits bekannte Sam Neill spielt hier einen
  älteren, nicht allzu freundlichen College-Professor. Leider war er
  nicht anwesend, dafür aber die Hauptdarstellerin Sinead Cusack, die
  viel Applaus erhielt.


- "La chambre des magiciennes" ("Das Zimmer der Zauberinnen")
  Frankreich
  Regie: Claude Miller
  mit: Anne Brochet, Mathilde Seigner

  Die Studentin Claire wird aufgrund von Migräneanfällen und Panik-
  attacken in eine neurologische Klinik eingewiesen. Gemeinsam mit
  einer jungen Frau, die nach ihrer Fehlgeburt nicht mehr ihre Beine
  bewegen kann, und einer mysteriösen älteren Dame, die bald sogar
  an ihr Bett gefesselt werden muss, verbringt Claire eine Zeit lang
  in der Abgeschiedenheit der Klinik.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   ++++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +++
                 Romantik:       +
                 Musik:          +
                 Action/Effecte: +

                 Gesamteindruck: 9.0 von 10        *)

  Fazit: Der aus der neuen arte-Reihe "Petit Camera" stammende Film,
  kann deutlich besser abschneiden als der zweite französische
  Wettbewerbsbeitrag "Love Me" von Laetitia Masson mit Sandrine
  Kiberlain, die natürlich wieder ein Highlight in jenem Film ist.
  "La chambre des magiciennes" ist eine herzhafte Komödie mit über-
  zeugenden Darstellern, die in einigen Monaten auf arte zu sehen sein
  wird.



- "Monday"
  Japan
  Regie: Sabu
  mit: Shinichi Tsutsumi, Yasuko Matsuyuki

  Ein ruhiger, biederer Angestellter findet sich eines Morgens in
  einem ihm völlig fremden Hotelzimmer wieder. Er hat keine Ahnung,
  wo er ist, und was er gemacht hat. Als er nach und nach seine
  Gedächtnislücken füllt, erweist sich die Wahrheit als ganz und
  gar unfreundlich.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +++
                 Romantik:       o
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: +

                 Gesamteindruck: 9.0 von 10        *)

  Fazit: "Monday" ist eine rabenschwarze Komödie und gleichzeitig
  Plädoyer gegen Waffengebrauch und sinnlose, übertriebene Staatsgewalt.



- "The Life Before This"
  Kanada
  Regie: Jerry Ciccoritti
  mit: Catherine O'Hara, Joe Pantoliano

  Als Folge eines fehlgeschlagenen Überfalls auf ein Casino sterben
  mehrere unschuldige Menschen in einer Schießerei in einem nahe
  gelegenen Cafe. In einer Rückblende folgt der Film diesen Personen
  durch ihren Tag und zeigt, welche ihrer Entscheidungen die persönliche
  Katastrophe hätte verhindern können - oder sogar verhindert, denn das
  Ende des Films stimmt nicht mit dem Anfang vor der Rückblende überein.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          ++++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +
                 Romantik:       ++
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: ++

                 Gesamteindruck: 8.7 von 10        *)

  Fazit: Der gelegentlich an "Closing Doors" oder "Lola rennt" erinnernde
  Film beschäftigt sich ebenfalls mit der Frage "was wäre, wenn".
  Trotzdem ist "The Life Before This" vor allem durch sein Drehbuch nicht
  einfach ein weiterer Film dieser Gattung, sondern ist mit Sicherheit
  ein Highlight des Panoramas. 
  


- "Hotel Splendide"
  UK/Frankreich
  Regie: Terence Gross
  mit: Toni Collette, Daniel Craig

  Nach dem Tod der Mutter hat die Familie Blanche Mühe, ihr Hotel
  auf einer kleinen Insel weiterzuführen. Eines Tages erscheint die
  Köchin Kath in der Hoffnung, ihre einstige Beziehung zu Ronald
  Blanche wieder aufzunehmen. Doch die einst alles beherrschende
  und im Heizungssystem des Hotels eingeäscherte Mutter übt noch immer
  eine merkwürdige Kraft über die Familie und die Gäste aus. Ein heißer
  Kampf um die Küche entbrennt...

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   ++++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +
                 Romantik:       +
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: ++

                 Gesamteindruck: 8.7 von 10        *)

  Fazit: Dieser schön obskure, aber trotzdem gelungene Film ist sicher
  vor allem etwas für Anhänger von Peter Greenaway und/oder David
  Cronenberg. Auch Fans von Toni Collette (Muriel in "Muriel's Wedding")
  kommen in diesem Panorama-Film nicht zu kurz.



- "Drôle de Felix" ("Funny Felix")
  Frankreich
  Regie: Olivier Ducastel & Jacques Martineau
  mit: Sami Bouajila, Pierre-Loup Rajot

  Ein junger, schwuler Araber trampt auf der Suche nach seinem Vater
  quer durch Frankreich und lernt unterwegs Leute kennen, die ihm am
  Ende mehr bedeuten als seine biologische Familie.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          ++
                 Romantik:       +
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: o

                 Gesamteindruck: 8.7 von 10        *)

  Fazit: Dieser Panorama-Film ist ein gelungenes Roadmovie aus
  Frankreich, davon gibt es sicher nicht allzuviele.
  


*) Bewertungssystem:

 1-3 : glaub nicht, dass ich mir solche schlechten Film
       überhaupt ansehe. :-))
    4: Hm, da hat irgendwie gar nichts gestimmt. :-(
    5: Naja, gute Absicht erkennbar. :-|
    6: Einige wenige gute Dinge, aber insgesamt nicht überzeugend.
    7: Ja, nicht schlecht, hätte man aber mehr rausholen können.
    8: Gutes, solides Kino! Das "gewisse Etwas" fehlte noch. :-)
    9: Super! Mehr davon! :-))
   10: Wow, einer der besten Filme, die ich je gesehen habe!

**) Verständlichkeit der Originalversion (nach meinem Eindruck :-))

    +   : leicht bis mässig schwierig (keine Dialekte/Slang)
    ++  : Untertitel gelegentlich nützlich
    +++ : Untertitel ratsam
    ++++: ohne Untertitel nicht zu empfehlen (fast nur Dialekt/Slang)

       Die Independent Berlin Cinema Site mit Film-Reviews:
                   http://www.030-kino.de