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            030-Kino.de Special: Berlinale 2002
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Die 52. Berlinale 2002 ist zu Ende und es ist wieder Zeit für einen
kleinen, subjektiven Rückblick, der bei über 300 gelaufenen Filmen
natürlich weder einen Anspruch auf Vollständigkeit noch auf
Repräsentativität hat. Dies betrifft insbesondere wieder sämtliche
Hollywood-Produktionen, die ohnehin bald in Deutschland anlaufen.

Hier auftauchen werden die besten zehn einer persönlichen Auswahl von
31 Filmen, die auf dem Festival liefen, und zwar in den 4 Sektionen
Wettbewerb, Panorama (Filme, die es aus manchmal nicht nachvollziehbaren
Gründen nicht in den Wettbewerb geschafft haben), Internationales
Forum des Jungen Films (innovatives, teils experimentelles, junges Kino)
und Perspektive Deutsches Kino (die neuste, aüßerst erfolgreiche Sektion
des Festivals mit ausschließlich deutschen Filmen).


- "Fickende Fische" (Perspektive Deutsches Kino)
  Deutschland
  Regie: Almut Getto
  mit: Tino Mewes, Sophie Rogall

  Story: Jan (Tino Mewes) war vor einiger Zeit in einen Verkehrsunfall
  verwickelt. Im Krankenhaus wurde er bei einer Bluttransfusion mit
  dem HIV-Virus infiziert. Jetzt ist er 16 und hat sich in die flippige
  15-jährige Nina (Sophie Rogall) verliebt. Gemeinsam fragen sie sich,
  ob Fische Sex haben. Dabei kommt auch ein nächtlicher Picknick im
  städtischen Aquarium heraus. Als es zwischen den beiden ernster wird,
  ist Jan äußerst verunsichert, ob und wie er Nina beibringen soll, dass
  er HIV-positiv ist. Wie wird sie reagieren?...

  Fazit: "Fickende Fische" ist ein bewegendes romantisches Drama über die
  Unsicherheit eines HIV-positiven Jungen. Der Film wird neben dem
  Drehbuch auch von den äußerst überzeugend spielenden Hauptdarstellern
  Tino Mewes und Sophie Rogall. Die Nebenhandlung über das
  Fortpflanzungsverhalten der Fische, gespickt mit atmosphärisch
  passenden Unterwasseraufnahmen ist wunderbar in die Handlung
  integriert. - Ein wunderschöner Film!

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     ++++
                 Humor:          +
                 Romantik:       +++
                 Musik:          +++
                 Action/Effecte: ++

                 Gesamteindruck: 9.0 von 10 (Herausragend)



- "Klassenfahrt" (Forum)
  Deutschland
  Regie: Henner Winckler
  mit: Steven Sperling, Sophie Kempe

  Story: Während einer Klassenfahrt an die polnische Ostsee lernen der
  16-jährige Ronny (Steven Sperling) und seine Mitschülerin Isa
  (Sophie Kempe) bei einem Discobesuch den Polen Marek kennen. Als
  Ronny bemerkt, dass sich Marek für Isa interessiert, fordert er ihn
  zu einer Mutprobe heraus, die tragisch endet.

  Fazit: "Klassenfahrt" hätte nicht nur einen Platz in der Reihe
  Perspektive Deutsches Kino verdient, sondern sogar das Zeug dazu
  gehabt, im Wettbewerb der Berlinale zu laufen. Doch dort scheinen
  die Probleme pubertierender Deutscher nicht von allzu großem Interesse
  zu sein. Ganz anders sieht dies zurzeit im deutschen Kino aus. Auch
  "Fickende Fische", "Mutanten" und "Bungalow" (s.u.) beschäftigen sich
  mit diesem Thema. "Klassenfahrt" ist ein wunderbar gelungenes Portrait
  der Kommunikationsarmut in der Pubertät, das zuweilen recht komischen
  Züge annimmt. Da macht es viel Spaß zuzusehen und sich an seine eigene
  Kindheit zu erinnern.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          ++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          ++
                 Romantik:       +++
                 Musik:          +
                 Action/Effecte: +

                 Gesamteindruck: 8.7 von 10 (Herausragend)



- "Satin Rouge" (Forum)
  Tunesien/Frankreich
  Regie: Raja Amari
  mit: Hiam Abbass, Maher Kamoun

  Story: Lila, eine verwitwete HAusfrau aus Tunis, fürchtet um die Moral
  ihrer Tochter, die eine Beziehung zu einem Musiker in der Nachtbar
  Cabaret unterhält. Als sie eines Tages selbst diese Bar besucht,
  findet sie plötzlich Gefallen am Bauchtanzen und sie wird sich ihrer
  bislang stets unterdrückten Wünsche bewusst. Es dauert nicht lange,
  und sie verliebt sich in einen jungen, attraktiven Angestellten -
  den Musiker, in den auch ihre Tochter verliebt ist!

  Fazit: "Satin Rouge", der Publikumsliebling des diesjährigen Forums,
  ist ein gelungenes, äußerst amüsantes romantisches Drama über die
  fortschreitende Modernierung der islamischen Gesellschaft in Tunesien,
  bei der die Frauen ihre neue Freiheit entdecken und genießen. Am
  Gelingen des Film haben anderem auch die guten Darstellerinnen
  einen sehr großen Anteil. Ein regulärer Kinostart in Deutschland wäre
  für diesen Film sicher sehr wünschenswert.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     ++++
                 Humor:          ++
                 Romantik:       +++
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: o

                 Gesamteindruck: 8.7 von 10 (Herausragend)



- "Halbe Treppe" (Wettbewerb)
  Deutschland
  Regie: Andreas Dresen
  mit: Steffi Kühnert, Gabriela Maria Schmeide

  Story: Chris ist ein verheirateter Radiomoderator in Frankfurt/Oder,
  der täglich mit Horoskopen seine Hörer auf den Tag einstimmt. Eines
  Tages lernt er Ellen kennen, die Frau eines überarbeiteten Besitzers
  einer Imbissbude namens "Halbe Treppe". Beide entdecken, dass es mit
  Ende 30 vielleicht an der Zeit wäre, nochmal etwas in seinem Leben
  zu ändern. So beginnen sie eine Affäre, die jedoch bald ans Licht
  kommt...

  Fazit: "Halbe Treppe" hat zu Recht einen Silbernen Bären erhalten.
  Der beste deutsche Beitrag im Wettbewerb ist eine wunderbare,
  tragikomische Beziehungsgeschichte mit einer großen Portion Realsatire,
  ohne dass diese inzeniert oder aufgesetzt wirkt. Die guten Darsteller
  geben diesem herausragenden Werk den letzen Schliff. "Halbe Treppe"
  wird sicher auch beim "normalen" Kinopublikum hervorragend ankommen.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +++
                 Romantik:       ++
                 Musik:          +++
                 Action/Effecte: +

                 Gesamteindruck: 8.7 von 10 (Herausragend)



- "Der Glanz von Berlin" (Perspektive Deutsches Kino)
  Deutschland
  Regie: Antje Kruska und Judith Keil

  Story: Dokumentation über drei Putzfrauen in Berlin: Wie sind sie zu
  ihrem Job gekommen, was machen sie auf Arbeit und wie kommen sie zu
  Hause zurecht.

  Fazit: Den Beruf der Putzfrau würde man nicht unbedingt als aufregenden
  Job vermuten, über den man eine äußerst unterhaltsame Dokumentation
  machen kann. Die beiden Studentinnen Antje Kruska und Judith Keil haben
  es erstaunlicher Weise geschafft, eben dies zu vollbringen. Mit den
  drei sehr natürlich wirkenden Protagonistinnen inszenierten sie einen
  herausragenden Film mit viel Humor und Liebe. Wie man sieht, ist
  Deutschlands Kinoszene nicht nur auf dem Gebiet des Spielfilms zurzeit
  sehr aktiv und künstlerisch erfolgreich.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          n/a
                 Inszenierung:   ++
                 Darsteller:     n/a
                 Humor:          +++
                 Romantik:       +
                 Musik:          +
                 Action/Effecte: o

                 Gesamteindruck: 8.7 von 10 (Herausragend)



- "Xingfu Shiguang" ("Happy Times") (Wettbewerb außer Konkurrenz)
  China
  Regie: Zhang Yimou
  mit: Zhao Bensham, Dong Jie

  Story: Ein armer Frührentner kümmert sich in Peking um ein blindes
  18-jähriges Mädchen, dass von seiner Stiefmutter auf die Straße
  gesetzt wurde. Da sie Masseuse gelernt hat, schließt er sich mit
  seinen ebenfalls mittellosen Freunden zusammen und gaukelt der
  Blinden einen florierenden Massagesalon vor, wo sie arbeiten kann.
  Das Geld, was sie verdient, sammeln die Freunde mühevoll zusammen,
  bis sie nichts mehr übnrig haben und das Mädchen deshalb bald mit
  Falschgeld bezahlen. Doch sie ist zu intelligent, um auf den Schwindel
  hereinzufallen...

  Fazit: Nach seinem 2000er Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "The Way Home"
  kehrt der chinesische Altmeister Zhang Yimou wieder zurück in den
  Wettbewerb der Berlinale, diesmal allerdings außer Konkurrenz.
  Wieder beschäftigt er sich mit dem Schicksal einer jungen Frau,
  diesmal jedoch nicht auf dem Land, sondern in der Großstadt Peking.
  Yimou hat es wieder geschafft, einen bewegenden Film zu drehen, der
  mit einer Portion Humor und etwas Gesellschaftskritik gewürzt ist.
  "Happy Times" ist ein sehenswertes Werk aus China.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          ++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          ++
                 Romantik:       +
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: +

                 Gesamteindruck: 8.3 von 10 (Sehenswert)



- "Sma Ulykker" ("Minor Mishaps") (Wettbewerb)
  Dänemark
  Regie: Annette K. Oleson
  mit: Jorgen Kiil, Vigga Bro

  Story: Nach dem plötzlichen Tod der Mutter durchleben die Mitglieder
  einer Familie in einer dänischen Kleinstadt eine Reihe von größeren
  und kleineren Krisen: Der Witwer kann nicht mehr ohne seine jüngste
  Tochter leben, weil er selbst dazu unfähig ist, sich Essen zu machen.
  Derweilen vermutet die ältere, lesbische Tochter ein verbotenes
  sexuelles Verhältnis zwischen ihrem Vater und ihrer Schwester. Diese
  erklärt sie daraufhin für verrückt. Doch die Probleme rreißen nicht
  ab...

  Fazit: Der dänische Wettbewerbsbeitrag "Sma Ulykker", Gewinner des
  Blauen Engels für das kreative Ensmble des Films, ist eine köstlich
  amüsante schwarze Tragikomödie über das ganz normale Leben in einer
  Kleinstadt in diesem Lande. Eine gutes Drehbuch und hervorragende
  Darsteller haben zum Gelingen des Films beigetragen. - Sehenswert!

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   ++
                 Darsteller:     ++++
                 Humor:          +++
                 Romantik:       ++
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: o

                 Gesamteindruck: 8.3 von 10 (Sehenswert)


- "Heaven" (Wettbewerb)
  Deutschland
  Regie: Tom Tykwer
  mit: Cate Blanchett, Giovanni Ribisi, Remo Girone, Vincenzo Ricotta

  Die Story: Philippa (Cate Blanchett), eine Englisch-Lehrerin in Italien,
  entschließt sich nach dem tragischen Tod ihres Ehemannes und
  unzähligen fruchtlosen Versuchen, die Polizei davon zu überzeugen,
  dass ein Turiner Drogenbaron dafür verantwortlich zu machen ist, das
  Gesetz in ihre eigenen Hände zu nehmen. Doch bei dem Versuch, den
  Kriminellen mit einer Bombe zu töten, kommen 4 Unschuldige ums Leben,
  darunter 2 Kinder! Philippa lässt sich von den Polizisten festnehmen,
  die davon überzeugt sind, dass sie ein links-politischen Motiv für
  ihre Tat hatte. Der einzige, der ihr glaubt, ist der junge
  Carabinieri Filippo (Giovanni Ribisi), der ihr schließlich zur Flucht
  verhilft. Doch damit ist seine Karierre beendet - und es bleibt ihm
  nichts anderes übrig, als mit Philippa gemeinsam zu fliehen. Doch
  die Polizei ist Ihnen ständig auf den Fersen...

  Fazit: In seinem 5. Spielfilm begibt sich der deutsche Starregisseur Tom
  Tykwer nun auf internationale Pfade und wendet sich auch international
  bekannteren Schauspielern zu. "Heaven", der Eröffnungsfilm der
  52. Berlinale - ist aber noch kein Hollywood-Film geworden, bei einem
  Drehbuch des polnischen, leider viel zu früh verstorbenen Altmeisters
  Krzysztof Kieslowski ist dies auch nicht zu erwarten gewesen. Es
  bleibt zu hoffen, dass Tykwer dem deutschen Kino erhalten bleibt und
  nicht eine Emmerich'sche Karierre einschlägt, das wäre wirklich ein
  Verlust. "Heaven" darf man als durchaus gelungene Umsetzung des
  Kieslowski-Drehbuchs bezeichnen, auch wenn es dieser selbst sicher
  etwas tiefer inszeniert hätte. Der Film lebt unter anderem auch von
  den beiden Hauptdarstellern Cate Blanchett und Giovanni Ribisi, aber
  auch von der wunderbaren Musik, die Tykwer wieder größtenteils selbst
  geschrieben hat. - Sehenswert.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          ++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +
                 Romantik:       +++
                 Musik:          +++
                 Action/Effekte: ++

                 Gesamteindruck: 8.0 (Sehenswert)



- "Bungalow" (Panorama)
  Deutschland
  Regie: Ulrich Köhler
  mit: Lennie Burmeister, Trine Dyrholm

  Story: Aus lauter Langeweile tritt der 19-jährige Paul sehr zum Ärger
  seiner linksliberalen Eltern den Wehrdienst an. So ganz ernst nimmt er
  die Sache mit der Bundeswehr jedoch nicht. Schon bald macht er sich aus
  dem Staub, um im Hochsommer einige Tage im leer stehenden Bungalow der
  Eltern zu verbringen. Dort trifft er allerdings auf seinen Bruder Max
  und dessen Freundin Lene, eine Schauspielerin, die gerade kurz davor
  ist, eine Rolle zu bekommen. Weil sich auch Paul in Lene verliebt hat,
  versucht er, eine Intrige anzuzetteln. Doch irgendwie scheint dies nicht
  so recht zu funktionieren.

  Fazit: Auch "Bungalow" beschäftigt sich wieder mit dem "großen deutschen
  Thema" Pubertät. Fast hätte die Berlinale eine eigene Sektion daraus
  machen können. Erfreulichweise sind die meisten Filme, die dieses Thema
  behandeln, recht sehenswert, ebenso dieses Werk von Ulrich Köhler, das
  vom Stil her eher Filmen wie "Mein Stern" oder "Mein langsames Leben"
  von der letzten Berlinale ähnelt. Köhler schafft es auf authentische
  Weise die Orientierungslosigket eines Jugendlichen darzustellen, nicht
  zuletzt mit Hilfe der guten Darsteller.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          ++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          +
                 Romantik:       ++
                 Musik:          +
                 Action/Effecte: +

                 Gesamteindruck: 8.0 (Sehenswert)



- "Sur mes levres" ("Reading my Lips") (Panorama)
  Frankreich
  Regie: Jacques Audiard
  mit: Vincent Kassel, Emmanuelle Devos

  Story: Carla (Emmanuelle Devos), eine korrekte, schwerhörige Sekretärin
  Mitte dreizig, sieht ihre Verdienste um die Firma nicht ausreichend
  gewürdigt, obwohl sie täglich ein ziemlich großes Arbeitspensum zu 
  erfüllen hat. Der Chef erklärt sich damit einverstanden, dass sie sich
  einen Assistenten sucht, nur zu teuer darf er nicht sein. Carla wird
  bald fündig: Sie stellt Paul (Vincent Kassel) ein, ein Auszubildender,
  der gerade aus dem Gefängnis kommt. Als er erfährt, dass Carla Lippen
  lesen kann, versucht er, sie dazu zu bewegen, den Boss einer
  Gangsterbande auszuspionieren. So könnte er an viel Geld gelangen.
  Carla ist zunächst schockiert, willigt dann aber doch ein...

  Fazit: "Sur mes levres" entwickelt sich schnell von einem
  gesellschaftskritischen Drama in einen spannenden und sehenswerten
  Kriminalthriller. Regisseur Jacques Audiard ist es gut gelungen, diese
  auf den ersten Blick vielleicht etwas gewagt scheindende Wendung
  umzusetzen. Auch wenn die Problematik der Schwerhörigkeit eher
  nebensächlich behandelt wird, erfährt der Zuschauer doch eine Reihe
  von interessanten Details über das Leben solcher Menschen. - Sehenswert.

  Kurzbewertungen:
                 Story:          +++
                 Inszenierung:   +++
                 Darsteller:     +++
                 Humor:          o
                 Romantik:       ++
                 Musik:          ++
                 Action/Effecte: +++

                 Gesamteindruck: 8.0 von 10 (Sehenswert)



Die Inhaltsangaben stammen teilweise aus der Beilage "mini tip: Berlinale
komplett" des tip-Magazins.