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 Filmtipp
Zwei Meinungen
zu "Before Sunset" von Richard Linklater
Vor neun Jahren lernten sich Jesse (Ethan Hawke) aus Texas und Célin (Julie Delpy) aus Paris auf einer langen Zugfahrt nach Wien kennen. Endlos sprachen Sie über Gott und die Welt, schliefen auch miteinander und verabredeten sich vage für ein weiteres Treffen, ohne aber Adressen oder Telefonnummern auszutauschen.

Jetzt hat Jesse ein Buch über eben diese Begegnung geschrieben und ist auf einer Rundreise durch Europa, um sein Werk auf Lesungen vorzustellen. Eine vage Hoffnung verbindet er mit seinem letzten Termin, der ihn nach Paris führt: Hier könnte er Célin wiederbegegnen. Und tatsächlich taucht sie in der Buchhandlung auf.

Jesse hat noch ein wenig Zeit, um seinen Flug zu erreichen. Und so beschließen beide, die vergangene Zeit Revue passieren zu lassen. Beide haben sich viel zu erzählen. So sind sie zwar ständig unterwegs, aber auch andauernd im Gespräch, auf der Straße, im Café, im Park oder auf einem Schiff auf der Seine. Schließlich bringt Jesse Célin noch nach Hause. Inzwischen ist es allerdings so spät geworden, dass Jesse sein Flug verpassen könnte...

Die Fortsetzung von "Before Sunrise" des 1960 in Houston, Texas geborenen Regisseurs Richard Linklater zeichnet ein hohes Maß von Qualitäten eines eigentlich typisch französischen Beziehungsfilms aus. Es passiert nicht viel, dafür wird aber unheimlich viel gesprochen. Der Zuschauer erhält einen ausgiebigen Einblick in die Köpfe der Hauptfiguren.

Auch diesmal lässt Linklater das Ende der Geschichte offen. Jesses Aussagen in der Buchhandlung, es hänge vom Leser ab, wie die Geschichte endet, ob Romantiker oder Zyniker, lässt sich auch hier anwenden. Doch diesemal geht es nicht um eine Romanze. Beide Hauptfiguren sind schon über 30 und werden mit Sicherheit keine zweite Chance bekommen, ihr Leben so grundlegend zu verändern... Sehenswert.

(MR/030-Kino.de)
(...) Jesse hat einen Roman über jene Nacht geschrieben, ist damit auf Lesetour durch Europa und hat in einer Pariser Buchhandlung gerade seinen letzten Auftritt vor dem Rückflug absolviert, als unvermittelt Céline vor ihm steht. Später wird Jesse ihr gestehen, dass genau darin sein Kalkül gesteckt habe: sie mit Hilfe des Buchs und der Lesereise wieder ausfindig zu machen.

Rein blindlings kann der schicksalsfügenden Macht des Zufalls also nicht mehr vertraut werden, so viel hat man gelernt mit dem Älterwerden. Die beiden nehmen ihre Endloskonversation wieder auf, als hätten sie sich nie aus den Augen verloren, allerdings unter neuen Vorzeichen: Beide wissen, dass es jetzt nicht mehr bloß um eine Romanze, sondern endgültig um alles oder nichts geht. Sollte Jesse sein Flugzeug erreichen, wird er nicht mehr zurückkehren.

80 Filmminuten reden die beiden vor wechselndem Hintergrund (Straße, Café, Park, Touristendampfer, Taxi) miteinander über - und um - ihr Leben, ihre Ansichten, Erfahrungen und Enttäuschungen, über das, was sie aus sich machen wollten, und das, was aus ihnen geworden ist. Und gelangen, über vorsichtige Annäherungen, zurückgehaltene Antworten, Ausweichmanöver und plötzliche Ausbrüche rückhaltloser Offenheit bis zur letzten Szene immer nur beinahe so weit, wie sie eigentlich beide gehen möchten.

Fast so, als wollte der Film beweisen, dass sich das Dilemma des Zynikers von dem des Romantikers in letzter Konsequenz nicht unterscheidet: Will der Erste sich auf nichts einlassen, weil ihm die Wirklichkeit ohnehin als bereits verloren gilt, so scheut der Zweite die Realisierung seiner Träume, weil die nun einmal immer nur um den Preis von Enttäuschung zu haben ist.


(Quelle: taz)


Wo dieser Film in Berlin läuft erfahren sie unter Berlinonline.de...
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