|
Die in Schottland geborene Evelyn Glennie ist gehörlos und gleichzeitig eine in aller Welt bekannte Perkussionistin. Was sich zunächst als Widerspruch darstellt, wird in dieser Dokumentation als durchaus vorteilhafte Kombination aufgezeigt - erzwingt doch die Gehörlosigkeit eine ganz andere Herangehensweise an die Kreation und die Wahrnehmung von Musik.
Regisseur Thomas Riedelsheimer, der dem begeisterten Dokumentarfilmzuschauer bereits seit "Rivers and Tides" bekannt ist, konzentriert sich in "Touch the Sound" aber weniger auf das Thema Gehörlosigkeit, sondern darauf, wie man Geräusche und Musik wahrnehmen kann. Dabei begleitet er Evelyn Glennie auf Reisen nach Japan, Deutschland, Schottland und in die USA.
Nach und nach erfährt der Zuschauer, wie diese Frau arbeitet. Ihren gesamten Körper nutzt sie zur Wahrnehmung der Geräusche. Ihr Wissen gibt sie auch an schwerhörige Kinder und Jugendliche weiter. Aber der Film portraitiert nicht nur die faszinierende Musik von Evelyn Glennie, sondern fängt auch eine große Zahl akustischer Impressionen von ihren Reisen ein, die gelungen von passenden Bildern begleitet werden. Dabei hat der Regiesseur selbst die Kamera geführt.
Den finalen Höhepunkt bildet ein für ein CD-Projekt improvisiertes Duett von Evelyn Glennie am Xylophon und dem talentierten Fred Firth an seiner Elektrogitarre in einer alten Fabrikhalle. "Touch the Sound" wurde nicht nur auf dem Filmfestival in Locarno geehrt, sondern erhielt auch die Goldene Taube als höchste Auszeichnung auf dem diesjährigen Festival für Dok- und Animationsfilm in Leipzig. - Sehenswert.
(MR/030-Kino.de) |
|
(...) In der Eingangssequenz des neuen Films von Thomas Riedelsheimer bündelt sich der ästhetisch-inhaltliche Ansatz: Phänomene der sinnlichen Wahrnehmung werden aus einer leicht versetzten Perspektive beleuchtet, erscheinen zunächst als schillernde Mimikry, enthüllen dann überraschend eine zweite Natur - eine Art dokumentarischer Suspense. Wenn wir der Frau in der Bahnhofshalle beim Musizieren zusehen, wissen wir noch nichts von ihrem körperlichen Handicap.
Später thematisiert der Film diesen Umstand zwar eingehend, vermag ihn aber durch die Nähe und Intensität der Beobachtung wieder in den Hintergrund treten zu lassen. Evelyn Glennie wird so als die großartige Musikerin porträtiert, die sie ist, nicht als eine mit einem Gebrechen geschlagene und damit potenziell bemitleidenswerte Frau, die durch irgendeinen Trick ihre Behinderung erfolgreich zu überlisten wusste. (...)
"Touch the Sound" führt den Titel noch weiter aus. Mit der von Riedelsheimer selbst geführten Kamera und der subtil abgemischten Tonspur erschließt der Film die Welt als kolossalen Resonanzkörper, lässt Alltagsgeräusche, Gesprächsfetzen oder Baulärm in seine nach allen Seiten offene Partitur konkreter Musik einfließen. Mitunter zitiert er dabei den eigenen Vorläuferfilm "Rivers and Tides", verweist anhand elementarer Strukturen - sich kräuselnde Wasseroberflächen, wiegendes Gras oder ziehende Wolkenfelder - auf die Dialektik zwischen mikro- und makrokosmischen Dimensionen.
Hier ist "Touch the Sound" nicht immer frei von Banalitäten, neigt mehr zur Illustration denn zur Kontrapunktion. Diese kleinen Abstriche werden aber mehrmals aufgewogen, nicht zuletzt durch die Improvisationen mit dem grandiosen Gitarristen Fred Frith in einer leer stehenden Kölner Fabrikhalle.
(Quelle: taz.de) |
|